Luther is burning down the house

Auseinandersetzung mit Freiheit und Vertrauen

In Münster läuten 30 weiße Luther-Figuren auf dem Prinzipalmarkt am Samstag, 29. Oktober, das Reformationsjubiläum ein. Unter den Rundbögen der historischen Kulisse prägen sie einen Tag das Stadtbild mit und erinnern daran, dass die Reformation bis heute bleibende Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen hat – in Sprache, Kultur und Politik.

Anschließend wandern die Figuren für über ein Jahr an 30 Orte in der Region.

 

„Wir wollen im kommenden Jahr nicht uns selber feiern, sondern zentrale Gedanken der Reformation – wie Freiheit und Vertrauen – in die Mitte der Gesellschaft bringen. Deshalb stellen wir diese Figuren bewusst in den öffentlichen Raum“, erklärt Initiator Dr. Jens Dechow. „Die Statuen sind nicht auf eine Botschaft oder auf eine Umgehensweise mit ihnen festgelegt“, so der Pfarrer des Evangelischen Kirchenkreises Münster weiter. Die Menschen hätten vielmehr die Freiheit, an den Figuren tätig zu werden, sich mit ihnen auseinanderzusetzen – egal in welcher Form. „Wir signalisieren damit den Menschen: Ihr habt die Freiheit. Wir haben Vertrauen“, so Dechow.

 

Auf diesem Weg kam eine der Figuren nach Gescher, um dort Impulse zu setzen. Zunächst stand die Lutherfigur schneeweiß an der evangelischen Kirche. Im Rahmen verschiedener Projekte zum Reformationsjahres wünschten sich die Schüler des Kurses Evangelische Religion „ihren Luther“ als einen von über 300 Reformatoren des 15. und 16. Jahrhunderts an die Gesamtschule. Doch mussten einige bürokratische Hürden genommen werden, um den „brandgefährlichen“ Luther eine Herberge im Inneren des Gebäudes bieten zu können. Zwei Feuerlöscher sollten die mögliche Brandlast im Zaum halten. So wurde die Ausstellung zum Tag der offenen Tür der Gesamtschule doch noch ermöglicht. Zahlreiche Kinder und Erwachsene standen der imposanten Figur im Forum am 3.12.2016 gegenüber und informierten sich unter andrem über das Projekt des Kirchenkreises sowie zahlreiche weitere ökumenische Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum. Auch in den Pausen fand die Figur großen Anklang und sorgte für zahlreiche Nachfragen und Gespräche. Diese Impulse setzen sich auch in den evangelischen Religionsunterricht der 7. und 8. Jahrgangsstufe der Gesamtschule fort. Welchen Einfluss hat Martin Luther auf das heutige Leben in Schrift, Sprache und Denken genommen? Wo haben seine Worte gezündet? Wo haben sie verbrannte Erde hinterlassen? Und wann und wo sind sie auch heute noch spürbar? Freiheit und Vertrauen im schulischen Alltag fand sich nach Meinung der Schülerinnen und Schüler zum Einen in dem Luther- Wort „Eine Lüge ist wie ein Schneeball. Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er“ wieder.

 

Andererseits ist Freiheit nicht nur für Heranwachsende ein zentrales Thema. Deshalb sollten, nach Meinung der Schülerinnen und Schüler, Luther symbolisch Flügel wachsen. Er hat die Gedanken der Menschen „befreit“, um selbst den Dingen auf den Grund zu sehen, indem er zum Beispiel die Bibel ins Deutsche übersetzte.

 

Außerdem grenzt – nicht nur in der Schule- die persönliche Freiheit immer an der des Gegenübers. Freiheit wird deshalb nur durch Vertrauen in und Verständnis für meinen Mitmenschen möglich. So gewann in Anlehnung an den Schriftsteller und Philosoph Albert Camus, einem der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts, folgende Aussage für den Religionskurs der 8. Jahrgangsstufe an Bedeutung: Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Vertrauen.

 

Bevor die Lutherfigur ihren gewohnten Platz an der evangelischen Kirche wieder einnehmen konnte, sollten die Gedanken zu Freiheit und Vertrauen für die Öffentlichkeit sichtbar werden und weiter Impulse in Gescher ermöglichen.

 

So wurde Luther von den Jugendlichen gestaltet um ihre Thesen vor der Gnadenkirche zu verbreiten. Wir sind gespannt, welche Zündfunken diese Aktion setzt und wünschen viel Freude bei der Betrachtung.

 

Andrea Bömer